Ein Glas Heumilch mit Tierwohl, bitte!
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Man hört die Kühe schon von weitem rufen. Rolf Holzapfel lächelt und meint: „Gerade werden die Mutterkühe nach dem Melken wieder mit ihren Kälbern zusammengeführt.“ Der „Happy Joining Moment“, wie seine Frau Eva sagt. Und tatsächlich – nachdem die Kühe beim Melken waren und wieder zu den Kälbern zurückgebracht werden, ist die Wiedersehensfreude groß. Was sich auch akustisch bemerkbar macht.
Heumlich: Garantiert traditionelle Spezialität
Der Landwirt aus Ingoldingen bei Biberach hält 60 horntragende Kühe nach Demeter-Richtlinien. Und er geht noch einen Schritt weiter: Seine Milch darf „Heumilch“ genannt werden, weil die Kühe hauptsächlich Gräser und Kräuter im Sommer und Heu im Winter bekommen. Auf Silage und Gentechnik wird verzichtet. Das aromatische Futter verleiht der Milch ihren besonderen Geschmack und entspricht der ursprünglichsten Form. Früher gab es keine Futtermittelkonservierung für Nutztiere. Der Begriff "Heumilch" ist geschützt und wird seit 2016 in der EU als g.t.S. („garantiert traditionelle Spezialität“) eingestuft.
Als Demeter-Betrieb gibt es für das Hofgut Voggenreute einiges zu beachten: Die Tiere sollen sich wesens- und artgerecht entwickeln können und brauchen deshalb genug Auslauf oder Weidegang. Die präventive Verabreichung von Antibiotika ist verboten, stattdessen kommen homöopathische oder biologische Mittel und naturheilkundliche Methoden zum Einsatz. Mit Stolz dürfen die Kühe ihre Hörner tragen, auch wenn das Herausforderungen in der Haltung mit sich bringt. Der Landwirt ist überzeugt, dass die Qualität der Milch und die Tiergesundheit mit den Hörnern zusammenhängen.
Demeter setzt auf Kreislaufwirtschaft, weshalb die Anzahl der gehaltenen Kühe von der Fläche abhängt. Größtenteils wird das Futter für die Tiere auf dem 70 Hektar großen Betrieb selbst produziert.Auf Hofgut Voggenreute gibt es zwei Herden: Die Kuh-Kalb-Herde und die laktierende Herde. Die laktierenden Kühe werden morgens und abends im Melkstand gemolken. Den restlichen Tag und nachts haben sie die Wahl, ob sie auf die Weide oder zum Fressen in den Stall wollen. Im Bereich der Kuh-Kalb-Gruppe sind die Tiere nur kurz zum Melken getrennt. Dadurch lernen die Kälber schnell die anderen Kälber und Mutterkühe kennen. Bei der Wiederzusammenführung freuen sie sich auf ihre wohlverdiente Mahlzeit bei der Mutterkuh. Eva und Rolf Holzapfel achten darauf, dass kein Kalb zu kurz kommt. Mittags kommt die Kuh-Kalb-Gruppe dann auf eine extra Weide im Obstgarten.
Für die Vermarktung wurde 2013 eine Erzeugergemeinschaft gegründet: die Demeter Heumilch Bauern Süd. Mittlerweile zählt die Gemeinschaft 35 Mitgliedsbetriebe aus den Regionen Bodensee, Allgäu, Linzgau und Oberschwaben. Alle Bauern sind Demeter- und g.t.S.-Heumilch-zertifiziert. „Meines Wissens nach wird bundesweit sonst nirgendwo Demeter-Heumilch in Glasflaschen produziert, was unseren Wirtschaftsverein einzigartig macht“, erzählt Holzapfel. Um die ursprünglichen Werte und Ideen beizubehalten, wird die Struktur der Gemeinschaft schlank gehalten: Alle Arbeitsbereiche um den geschäftsführenden Vorstand Holzapfel werden ausschließlich von den Mitgliedern abgedeckt. Eine virtuelle Aufstellung inklusive Cloud-Telefonie ermöglicht den Verzicht auf eine Geschäftsstelle. Alle können von ihrem Betrieb aus aktiv sein.
Für alle gibt es denselben Auszahlungspreis
Die Leitidee hinter der Gemeinschaft ist die gemeinsame Vermarktung qualitativ hochwertiger Heumilch. Der verantwortungsbewusste Umgang mit Ressourcen und die Einhaltung höchster Tierwohl-Standards liegen den Mitgliedern am Herzen. Der demokratische Aufbau des Wirtschaftsvereins garantiert einen aktiven Austausch untereinander.
Der gesamte Gewinn wird monatlich zu 100 Prozent ausbezahlt und zwar mit dem gleichen Auszahlungspreis für alle. Stehen Investitionen an, werden diese von allen Mitgliedern solidarisch gemeinsam getragen. Dass sie mit ihrem Modell großen Erfolg haben, zeigt der aktuelle Jahresumsatz von knapp sieben Millionen Euro. Pro Erfassung fallen in der gesamten Erzeugergemeinschaft 30.000 Liter Heumilch an. Deren Verarbeitung und Vermarktung will gut organisiert sein. Ein wöchentlicher Produktionsplan für die Spedition gibt an, welche Molkereien mit wie viel Litern angefahren werden müssen. Verschiedene große und kleine Molkereien in der Region verarbeiten die angelieferte Heumilch und füllen sie ab.Anschließend liefert die Spedition die Produkte direkt an den Großhandel aus, unter deren Eigenmarken die Waren im Naturkosthandel und im klassischen Lebensmitteleinzelhandel zu finden sind. Das eigene Logo der Erzeugergemeinschaft ist dabei stets mit aufgeführt und hat sich mittlerweile zu einer starken Marke entwickelt.
Demeter-Heumilch ist ein Alleinstellungsmerkmal
Die Produktpalette ist groß: Mit Milch im Glas oder im Tetrapack, 3,8 % oder 1,8 % Fett, Joghurt, Quark, Butter, Mozzarella, Eis und verschiedenen Hartkäsesorten sind die Demeter Heumilch Bauern Süd vielseitig aufgestellt. Ein Vorteil der Erzeugergemeinschaft ist, dass der Rohstoff Demeter-Heumilch ein Alleinstellungsmerkmal und nicht austauschbar ist, da es wenig andere zertifizierten Erzeuger gibt.
Bei einem der regelmäßigen Strategietreffen vor drei Jahren stand das Thema muttergebundene Kälberaufzucht auf der Agenda. Doch je größer die Gemeinschaft, desto schwieriger ist es, einheitliche Standards festzulegen – die dann auch für alle Betriebe zum Beispiel baulich möglich sind. Letztlich hatten sich aber alle Mitglieder einstimmig dafür ausgesprochen: Sie möchten ihre Kälber kuhgebunden aufziehen.
„Für die kuhgebundene Kälberaufzucht gibt es aber keine klare Definition“, wirft Holzapfel ein. Er sieht in diesem Bereich generell noch tierschutzrechtliche Baustellen. Deshalb legt er in Zusammenarbeit mit dem Nutztierschutzverein ProVieh verbindliche Mutter-Amme-Kalb-Kriterien (MAK) fest.
Auch Bullenkälber bleiben zunächst bei der Mutter
„Die Aufzucht von männlichen Kälbern ist teuer“, meint Holzapfel. Ein Kalb trinke 1.000 bis 1.500 Liter Milch, bis es sechs Monate alt sei. „Damit bleibt von einer Mutterkuh mit einer jährlichen Milchleistung von 6.000 Litern nur etwa 4.500 Kilogramm verkaufsfähige Milch, was wirtschaftliche Risiken birgt.“
Dieses Problem sind die Demeter Heumilch Bauern Süd angegangen: mit der Bruderkalb-Initiative um Anja Frey. Auch Bullenkälber sollen gleichberechtigt mit Mutterkuh und deren Milch mindestens drei Monate aufwachsen dürfen. „In der Praxis bleiben die Kälber aber bis zu sechs Monate auf dem Betrieb, bis sie ihr Schlachtgewicht erreicht haben“, erklärt Rolf Holzapfel. Das Fleisch wird unter dem Label „Bruderkalb“ vermarktet und kostet im Handel mehr als Fleisch ohne dieses Label. Der Markt dafür wachse aber nicht so schnell und stark wie im Molkereibereich. Aktuell werden in der Erzeugergemeinschaft wöchentlich zehn bis 15 Kälber geschlachtet.
Rolf Holzapfel sieht die Kälberaufzucht pragmatisch: Da automatisch weniger Milch produziert wird, werde der übersättigte Markt entlastet. Auch beim Verbraucher stößt er auf positive Resonanz. Die öffentlichen Debatten um Tierwohl und die gestiegenen Anforderungen der Kunden hätten der Demeter-Heumilch mit Mitaufzucht der Bullenkälber viel Zuspruch verschafft.
Das Geschäft läuft gut: Mittlerweile sei die Nachfrage so groß, dass eigentlich weitere Milchbetriebe mit einsteigen müssten. „Dann müsste aber der Fleischmarkt mitziehen und da läuft alles etwas zäher", sagt der Landwirt. Auch wenn sich hier alles etwas langsamer entwickelt, wächst der Markt für Heumilchprodukte rasch an. Mit den Molkereiprodukten der Demeter Heumilch Bauern Süd konnten bei Edeka und im Naturkostfachhandel die letzten Jahre zweistellige Wachstumsraten erzielt werden. Trotz des respektablen Wachstums verliert das Hofgut Voggenreute nicht die Nähe zum Verbraucher. Im "Genießerhüttle" mit Vertrauenskasse gibt es einen Kühlschrank mit verschiedenen Käsesorten, Wurst und natürlich leckerer Heumilch. Rolf Holzapfel hat mit der Erzeugergemeinschaft Demeter Heumilch Bauern Süd hohe Maßstäbe beim Tierwohl gesetzt. Leckere Produkte von glücklichen Tieren – was wünschen Kuh und Kalb sich mehr?
Hofgut Voggenreute |
| Betriebsleiter: Rolf Holzapfel Wirtschaftszweig: Heumilch Standort: Ingoldingen, Baden-Württemberg Kapazität: 60 Milchkühe, 70 Hektar Vermarktung: Erzeugergemeinschaftl Adresse: Voggenreute 2, 88456 Ingoldingen Telefon: 07355 920 68 Email: info@hofgut-voggenreute.de Webseite: www.hofgut-voggenreute.de |







