
Was vom Leben im Boden übrig bleibt
Zu der Fachtagung „Mehr Leben in den Boden bringen“ hatten die Universität Hohenheim, die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung (GkB) nach Hohenheim eingeladen (siehe Heft 5).
Vier Fragen zur Humusbildung im Boden und zum Ertrag
Zu seinem Vortragsthema „Humus – oder was vom Leben übrig bleibt“ antwortete Prof. Dr. Torsten Müller, Leiter des Fachgebiets Düngung und Bodenstoffhaushalt an der Universität Hohenheim, auf folgende vier Fragen:
- Kann eine organische Düngung den Ertrag zusätzlich zur mineralischen Düngung steigern?
- Besteht ein Zusammenhang zwischen Humusvorräten im Boden und Ertrag?
- Führt eine reduzierte Bodenbearbeitung zur Steigerung der Humusvorräte?
- Bringt die Kompostierung im Vergleich zur direkten Anwendung organischer Rückstände Vorteile?
Zunächst jedoch erklärt er, was unter Humus überhaupt zu verstehen ist.
Klassisch: Tote organische Substanz wird humifiziert
Nach klassischer Sichtweise besteht die organische Bodensubstanz zum einen aus lebenden Organismen und zum anderen aus toter organischer Substanz, dem Humus.
Zu den lebenden Organismen gehören die Wurzeln und das sogenannte Edaphon (griechisch édaphos = Erdboden). Das Edaphon wird von allen in und auf dem Erdboden lebenden Kleinlebewesen gebildet – und zwar sowohl Pflanzen als auch Tieren. Demnach besteht das Edaphon aus
- Mikroorganismen: Bakterien, Pilze und Algen.
- Mikrofauna: Protozoen, Nematoden.
- Mesofauna: Milben, Springschwänze.
- Makrofauna: Regenwürmer, Insektenlarven, Asseln.
Zum Humus, der toten organischen Substanz, gehören tote Organismen oder Teile davon wie Wurzeln, Leichen, Ernterückstände, organischer Dünger. Diese toten Organismen zersetzen sich durch mikrobiellen Abbau in kleine organische Moleküle sowie anorganische Stoffe wie Kohlendioxid (CO2), Wasser (H2O) und Mineralstoffe. Durch Humifikation oder Humifizierung entstehen langkettige Huminstoffe. Der weitere, langsame mikrobielle Abbau setzt seinerseits Mineralstoffe frei. Ton-Humus-Komplexe stabilisieren dabei den Abbauprozess und bilden Dauerhumus.
Modern: Reste toter Mikroorganismen an Mineralen
Nach moderner Sichtweise wird Humus – stärker als in der klassischen Sicht – als ein dynamischer Prozess verstanden und weniger als das Vorhandensein chemischer Stoffe und der Bildung von Huminstoffen. Die Wissenschaftler sprechen von ‚Kontinuum-Modell‘. Dabei sehen sie das organische Material und dessen verschiedene Abbauphasen im Mittelpunkt. Die Stabilität des Systems wird nach dem ‚Kontinuum-Modell‘ vom Umfeld beeinflusst – und weniger von den Eigenschaften von Molekülen. Die Stabilität wird danach insbesondere von der Bindung organischer Substanz an Tonminerale, den Einschluss in Bodenaggregaten und die Umweltbedingungen beeinflusst. Nach der modernen Sicht besteht Humus überwiegend aus abgestorbenen Überresten von Mikroorganismen wie Bakterien und Pilzen, die an Mineraloberflächen stabilisiert wurden.
Humus im Fließgleichgewicht
Müller spricht von „Humus im Fließgleichgewicht“ und erklärt den dynamischen Prozess mit dem „Modell Badewanne“. So wie auslaufendes Wasser aus einer undichten Badewanne kontinuierlich nachgefüllt wird, fühle sich eine Wurzel, die Nährstoffe und Wasser aus dem Humus aufnimmt und nicht benötigte Reststoffe abgibt.

Die Humusvorräte (Corg) in Böden Baden-Württembergs betragen bis zu 100 cm Tiefe durchschnittlich auf Ackerland 98 t/ha, auf Grünland 115 t/ha, auf Grünland inklusive Moor- und Anmoorstandorte 137 t/ha und unter Wald auf 101 t/ha. Diese Daten stammen aus der Klimopass-Studie der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW), zitiert nach Waldmann und Weinzierl, 2014.
Nun zur Beantwortung der eingangs gestellten Fragen.
Biologische Funktionen
- Nahrung für heterotrophe Bodenorganismen
- Wachstumsfördernde Substanzen
- Verminderung bodenbürtiger Krankheiten
- Mineralisation und Immobilisation
Chemische Funktionen
- Sorption (Speicherung) und Desorption
- Chelatisierung: Mobilisierung von (Mikro-)Nährstoffen, Detoxifizierung giftiger Substanzen (z. B. Al3+)
Physikalische Funktionen
- Bodenstruktur: Porosität (Wasserhaltekapazität, Durchlüftung), Aggregatstabilität (Erosibilität), Durchwurzelbarkeit
Organische Düngung kann den Ertrag steigern
Kann eine organische Düngung den Ertrag zusätzlich zur mineralischen Düngung steigern? Müllers Antwort: „Ja, insbesondere Stallmist, allerdings unter Inkaufnahme zusätzlicher Umweltrisiken.“ Er ergänzt: „Eine organische Düngung kann eine mineralische Düngung teilweise ersetzen, wenn auch mit steigendem Umweltrisiko.“ Dabei bezieht sich der Düngeexperte unter anderem auf Versuche an der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Zuckerrüben, Kartoffeln, Sommergerste und Winterweizen.
Auf extremen Böden kann Humus den Ertrag erhöhen
Besteht ein Zusammenhang zwischen Humusvorräten im Boden und Ertrag? Hier lautet die Antwort: „Ein Zusammenhang besteht nur bei sehr leichten (Sand) und sehr schweren (Ton) Böden.“ Der Hohenheimer Professor verweist dabei unter anderem auf Versuche in Bayern zur Beziehung zwischen Kornertrag und Bodeneigenschaften.

Reduzierte Bearbeitung steigert nicht die Humusvorräte
Führt eine reduziere Bodenbearbeitung immer zur Steigerung der Humusvorräte? Müller antwortet: „Nein. Reduzierte Bodenbearbeitung kann auch zu einer Verminderung der Humusvorräte führen. Es kommt eher zu einer Umverteilung von unten nach oben im Bodenprofil.“
Müller bezieht sich bei dieser Antwort unter anderem auf Versuche von Prof. Dr. Thomas Appel von der Fachhochschule Bingen. Die Landwirtschaftskammer in Rheinland-Pfalz verglich die Auswirkungen unterschiedlicher Verfahren der Bodenbearbeitung sowie Direktsaat hinsichtlich ihres Gehaltes an organischem Kohlenstoff im Boden (Corg) bis zu etwa 60 cm Tiefe nach neun Jahren. Die häufig geäußerte Vermutung, der Humusvorrat könne durch Pflugverzicht erhöht werden, konnte dabei über das gesamte Bodenprofil bis 60 cm Tiefe auf den Versuchsstandorten in Rheinland-Pfalz nicht bestätigt werden. Zum einen konzentriert sich der organische Kohlenstoff bei pflugloser Bodenbearbeitung und Direktsaat in der oberen Bodenschicht bis 5 cm Tiefe. Zum anderen kann der höhere Humusvorrat in dieser oberen Schicht die Humusverluste in den tieferen Bodenschichten öfters nicht ausgleichen.
Die Frage, ob die Kompostierung im Vergleich zur direkten Anwendung organischer Rückstände Vorteile bringt, „ist schwer zu beantworten“, betont der Experte für Düngung und Bodenstoffhaushalt. Denn der erforderliche Versuchsansatz sei kaum zu verwirklichen.
Stellen Sie sich den Versuchsablauf einfach einmal vor: Eine Fuhre Mist aus demselben Stall wird zum einen Teil ausgebracht und zum anderen Teil kompostiert. Dann kann der fertige Kompost erst im darauffolgenden Jahr ausgebracht und seine Wirkungen auf Bodenleben und Nutzpflanzen untersucht werden. Einen Teil der Fuhre Mist bis zum Folgejahr lagern, führt zu Nährstoffverlusten und damit im Vergleichsjahr der Kompostanwendung zu Verzerrungen in der Versuchsauswertung. Nimmt man im Vergleichsjahr Mist aus demselben Stall, ist dieser wiederum nicht derselbe wie derjenige, der im Vorjahr kompostiert wurde. Müller bringt es auf den Punkt: „Mengen- und Zeitäquivalent können kaum oder nicht verwirklicht werden.“
Kompostierung kann zu Nährstoffverlusten führen
Aus Studien, die beispielsweise den Verlauf von Temperatur und pH-Wert während der Kompostierung sowie die Wirkung von Kompost auf Pilzerkrankungen untersuchen, lassen sich Rückschlüsse auf den Vergleich von Kompost und direkter Zufuhr organischen Materials schließen. Dabei zeigt sich: Während der Kompostierung können vor allem folgende Nährstoffverluste auftreten:
- Gasförmige Stickstoff-Verluste als Ammoniak (NH3), indem organischer Stickstoff zu Ammoniak mineralisiert, sowie als Lachgas (N2O) und Stickstoff-Gas (N2), indem das Ammonium (NH4+) zu Nitrat (NO3-) nitrifiziert und dieses Nitrat wiederum bei Sauerstoffarmut in der Miete zu Lachgas (N2O) und Stickstoff-Gas (N2) denitrifiziert.
- Auswaschungsverluste durch Regen- und Prozesswasser, wie Kationen (K+) und Nitrat (NO3-).
Die Kompostierung kann zwar, wie Studien zeigen, unangenehmen Geruch bei der Düngung vermeiden, hygienisierend wirken und die Keimfähigkeit von Unkrautsamen verringern. Ein Fragezeichen ist jedoch hinter die Erhöhung des Düngewerts und der biologischen Aktivität im Boden sowie den positiven Einfluss auf die Qualität der landwirtschaftlichen Produkte zu setzen.
Müller fasst zusammen: „Kompostierung bringt im Vergleich zur direkten Anwendung organischer Rückstände nur bedingt Vorteile. Gegebenenfalls kann sie hygienisierend und stabilisierend wirken. Es besteht aber ein erhebliches Risiko für Nährstoffverluste in die Umwelt, insbesondere bei unsachgemäßer Kompostierung.“ Die Frage könne experimentell – wegen des geschilderten Versuchsdilemmas – allerdings kaum endgültig geklärt werden.





