Geeignete Beizmittel auswählen
Zu empfehlen ist die Beizung gegen:
- Steinbrand und Schneeschimmel an Weizen;
- Streifenkrankheit an Gerste;
- Schneeschimmel an Roggen und Triticale;
- Flugbrand an Weizen und Gerste für die Saatguterzeugung.
Unter bestimmten Umständen ist die Beizung gegen folgende Krankheiten zu empfehlen:
- Zwergsteinbrand an Winterweizen, Dinkel und Triticale, insbesondere für Anbaugebiete oberhalb von 500 Höhenmetern.
- Flugbrand an Wintergerste, auch für den Konsumanbau, wenn das Saatgut aus einem Gebiet mit Flugbrandbefall stammt.
- Typhula-Fäule an Wintergerste in Befallslagen.
Wegen wegfallender Wirkstoffe können in den kommenden Jahren physikalische und biologische Verfahren auch im konventionellen Landbau wichtiger werden, obwohl sie Wirkungslücken aufweisen. Aus Kosten- und Umweltgründen muss der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf ein notwendiges Maß begrenzt werden.
Saatgut sollte ausschließlich von gesunden Beständen stammen. Häufig findet die Vermehrung in sogenannten Gesundlagen statt, in denen von Natur aus weniger Krankheiten auftreten. Neben einer ausreichend weiten Fruchtfolge, einem feinen Saatbett und dem richtigen Saattermin sichert vor allem gesundes und durch Beizung geschütztes Saatgut die Bestände. Das hält den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln während der Kulturzeit auf einem Mindestmaß. Je nach Anbaugebiet, Saatgutgesundheit und Schaderregern reichen oft auch physikalische Verfahren oder biologische Beizmittel aus. Trotz einzelner Wirkungslücken können sie chemische Beizen vollkommen ersetzen.
Chemische Beizmittel und wichtigste Schadorganismen
In Tabelle 1 findet sich eine Auswahl an biologischen sowie chemischen Beizmitteln und deren Anwendungsgebieten.
Die Krankheitserreger Schneeschimmel und Fusarium-Arten, die sich sowohl über das Saatgut als auch über den Boden übertragen, besitzen mittlerweile eine große Bedeutung. Fusariosen lassen die Getreidekeimlinge absterben und führen zu einem ungleichmäßigen Feldaufgang. Befällt der Pilz bereits den Sämling, verdrehen sich die Keimlinge oft korkenzieherartig. Infektionen durch Schneeschimmel aus dem Boden treten vor allem unter einer lange liegenden Schneedecke auf ungefrorenem Boden auf. Solche befallenen Bestände fallen nach der Schneeschmelze häufig nesterweise zusammen.
Zwergsteinbrand befällt vor allem Weichweizen und Dinkel, seltener auch Winterroggen. Zu den Symptomen gehören eine stärkere Bestockung und das deutliche Einkürzen der Halme, was beim Zwergsteinbrand ausgeprägter ist als beim gewöhnlichen Steinbrand. Anstelle der Körner bilden sich in der Ähre sogenannte Brandbutten, die kleiner ausfallen als beim normalen Steinbrand. Zwergsteinbrand tritt insbesondere in gemäßigten Lagen auf. Der Flugbrand hingegen zeigt sich an Weizen und Gerste gewöhnlich erst ab dem Ährenschieben. Bis zur Ernte bleiben dann häufig nur noch die leeren Ährenspindeln auf dem Feld stehen.
Die Schwarzbeinigkeit schädigt vor allem früh gesäten Weizen in engen Getreidefruchtfolgen. Ein Befall wird zudem durch Mulchsaat, warme und feuchte Witterung im Herbst und Frühjahr sowie milde Winter begünstigt. Der bodenbürtige Pilz befeuchtet und schädigt die Wurzeln, die sich nach der Infektion schwarz verfärben. Zudem vermorscht die Halmbasis. Die Ähren werden notreif und färben sich weiß. Starker Befall tritt meist nesterweise auf. Eine Saatgutbehandlung mit Latitude, Latitude XL oder Latifam beugt Infektionen durch die Schwarzbeinigkeit vor. Diese Mittel müssen zusätzlich zu einer üblichen Beizung zum Einsatz kommen. Unter Berücksichtigung aller Risikofaktoren lässt sich im Einzelfall beurteilen, ob sich der Einsatz dieser Spezialbeizmittel wirtschaftlich lohnt.
Die Typhula-Fäule befällt hauptsächlich Gerste. Sie tritt vor allem in höher gelegenen, kälteren Anbaugebieten auf und führt dazu, dass sich der Bestand nesterweise oder großflächig gelb verfärbt. Bei starkem Befall sterben ganze Pflanzen ab. Typisch für die Krankheit sind die rotbraun gefärbten, null Komma fünf bis drei Millimeter großen Dauerkörper des Pilzes, die auf oder in den abgestorbenen Blattscheiden sitzen. Ein starker Befall kann dazu führen, dass der gesamte Bestand umgebrochen werden muss.
Brachfliege und Drahtwurm
Wo Zuckerrüben lückig standen, Kartoffeln früh geerntet wurden oder das Kraut durch Krautfäule vorzeitig abgestorben ist, legt die Brachfliege bevorzugt ihre Eier ab. Die Larven verursachen danach empfindliche Schäden an den Keimlingen des nachgebauten Weizens. Gefährdet sind insbesondere Spätsaaten. Vorbeugend helfen das Pflügen vor der Saat mit einem Vorschäler sowie das anschließende Rückverfestigen oder Walzen des Saatbetts.
Für Flächen mit hohem Befallsrisiko steht in Winterweichweizen, Wintergerste und per Notfallzulassung auch in Roggen (befristet vom 31. Juli 2026 bis zum 27. November 2026) mit Signal 300 ES (Wirkstoff: Cypermethrin) ein insektizides Beizmittel zur Verfügung. Es wirkt gezielt gegen Schnellkäfer (Drahtwurm), Getreidebrachfliege, Fritfliege und Getreidelaufkäfer.
Handhabung der Beizmittel
Um Beizstäube zu vermeiden und die Umwelt zu schonen, beginnt die Vorbereitung bereits bei der Ernte mit einer optimalen Qualität des Drusches. Das Saatgut muss vor dem Beizen in Reinigungsgeräten so aufbereitet werden, dass es möglichst staubfrei ist. Nur so entsteht eine hohe Beizqualität. Zusatzstoffe verbessern das Ergebnis, da sie das Mittel gleichmäßiger auf den Getreidekörnern verteilen und die Haftung am Saatkorn erhöhen. Zudem vermindern sie den Abrieb und beugen so der Bildung von Beizstaub vor. Eine glattere Oberfläche verbessert gleichzeitig die Fließfähigkeit des Saatgutes. Wichtig ist zudem eine ausreichende Trockenheit: Wird feuchtes Saatgut mit mehr als 16 Prozent Wassergehalt behandelt, drohen Auflaufschäden. Gleiches gilt für die Beizung von bereits aufgesprungenem oder gekeimtem Saatgut.
Eine korrekte Einstellung der Beizgeräte stellt die richtige Dosierung der Beizmittel sicher. Sowohl zu geringe als auch zu hohe Mengen richten Schaden an. Bei einer Unterdosierung lassen sich die Krankheiten nicht ausreichend bekämpfen. Eine Überdosierung hingegen kann die Getreidekeimlinge direkt schädigen. Die Hersteller der Beizmittel bieten einen speziellen Beizservice an, mit dem sich die Geräte für einen optimalen Betrieb einstellen lassen. Zudem überprüfen sowohl die Hersteller als auch amtliche Stellen auf Wunsch den Beizgrad und die exakte Verteilung des Beizmittels.
Trocknen lassen und neu abdrehen
Frisch gebeiztes Saatgut muss vor der Aussaat mehrere Stunden abtrocknen. Da die Beizmittel das Fließverhalten der Körner verändern, gilt es, die Sämaschine vor dem Einsatz von unterschiedlich gebeiztem Saatgut neu abzudrehen. Mit Beizmitteln behandeltes Saatgut gehört getrennt von Lebens- und Futtermitteln an einen für Kinder unerreichbaren Ort. Es darf keinesfalls für die Ernährung oder als Tierfutter dienen – selbst dann nicht, wenn es mit unbehandeltem Getreide gemischt wird. Zudem müssen die Säcke mit dem behandelten Saatgut stets vor Beschädigungen geschützt sein.
Beim Ansetzen der Beizmittel, beim Absacken des Saatgutes sowie beim Reinigen der Beizgeräte sind Universal-Schutzhandschuhe, ein Schutzanzug gegen Pflanzenschutzmittel und festes Schuhwerk zu tragen. Dieser Schutz bleibt in der Regel auch beim anschließenden Umgang mit dem gebeizten Saatgut erforderlich. Weitere Auflagen zum Schutz der Anwendenden, wie etwa das Tragen einer Schutzbrille oder einer Gummischürze, entnimmt man den Hinweisen auf den jeweiligen Verpackungen.
Vollständige Bodenbedeckung schützt Vögel vor gebeiztem Saatgut
Viele Beizmittel sind für Vögel giftig. Eine sichere Bodenbedeckung schützt die Tiere vor Schäden. Die richtige Saattiefe sowie eine an den Bodenzustand angepasste Sägeschwindigkeit stellen diese Bedeckung sicher. Das gilt besonders beim Einsetzen und Ausheben der Sämaschinen sowie am Vorgewende. Zudem muss man die Dosiereinrichtung vor dem Ausheben der Schare rechtzeitig abschalten, damit kein Saatgut nachrieselt. Verschüttetes Saatgut gehört sofort zusammengekehrt und entfernt. Schließlich sind die Saatmengen regelmäßig zu kontrollieren und die jeweiligen Höchstmengen pro Hektar einzuhalten.
Mit Signal 300 ES gebeiztes Saatgut darf nicht bei Wind mit Geschwindigkeiten über 5 m/s ausgesät werden (NH681). Redigo Pro und Celest Next dürfen nicht bei vorhergesagtem Wind mit einer stündlichen mittleren Windgeschwindigkeit in 2 m Höhe höher als 5 m/s ausgesät werden (NH681-3).
Reste von Saatgut aus der Sämaschine sind aufzufangen und in Originalsäcke zu füllen. Entleerte Säcke, Sackteile und Abrisse sind fachgerecht zu entsorgen.
Elektronenbeizung
Die Elektronenbeizung kommt inzwischen in einer Reihe von Anlagen zum Einsatz. In diesen Geräten entstehen Elektronen, die stark beschleunigt auf den fließenden Saatgutstrom treffen. Auf der Samenschale töten die Elektronen Pilzsporen, Bakterien und Viren verlässlich ab. Dieses Verfahren wirkt daher gut bis mittelmäßig gegen Erreger, die auf oder direkt in der Samenschale sitzen. In Versuchen erwies sich die Methode bei vielen samenbürtigen Krankheiten – insbesondere bei Brandkrankheiten wie Weizensteinbrand und Roggenstängelbrand – als gleichwertig zu chemischen Mitteln. Bei einem Befall mit Fusarium-Arten und Schneeschimmel lässt sich der Feldaufgang spürbar steigern. Sitzt der Erreger wie beim Flugbrand jedoch im Keimling im Inneren des Samenkorns oder stammt die Infektion direkt aus dem Boden, bietet die Elektronenbeizung keinen Schutz.
Warm- und Heißwasserbehandlung
Die Warm- und Heißwasserbehandlung kam bei Gerste schon früher mit gutem Erfolg insbesondere gegen Flugbrand zum Einsatz. Bei der Warmwasserbehandlung verbleibt das Saatgut etwa zwei bis drei Stunden in 42 oder 45 Grad Celsius warmem Wasser. Bei der Heißwasserbehandlung ist die Temperatur mit 52 Grad Celsius höher, die Behandlungsdauer fällt mit fünf Minuten jedoch deutlich kürzer aus.
Bei der Streifenkrankheit und beim Flugbrand lassen sich Wirkungsgrade von 70 Prozent bis über 90 Prozent erzielen. Allerdings muss man mit Verlusten bei der Keimfähigkeit rechnen, besonders bei verletzten Samenkörnern. Gegen Netzflecken, Fusarien und Steinbrandsporen zeigen sich ebenfalls Wirkungen, die jedoch nicht das Niveau chemischer Verfahren erreichen.
Bürsten von Getreide
Mit speziell für die Saatgutaufarbeitung entwickelten Bürstmaschinen lassen sich außen am Samen anhaftende Krankheitserreger – wie etwa die Sporen von Steinbrand und Zwergsteinbrand – mechanisch abbürsten. Erreger, die im Keimling sitzen (wie der Flugbrand) oder tiefer im Gewebe liegen (wie Fusarien), erfasst dieses Verfahren jedoch nicht. Zudem ist Vorsicht geboten: Ein zu intensives Bürsten kann die Keimfähigkeit des Saatgutes beeinträchtigen.
Biologische Saatgutbeizen
Die biologischen Saatgutbeizen Cedomon und Cerall enthalten den Bakterienstamm MA 342 der Art Pseudomonas chlororaphis. Diese natürlichen Bodenbakterien vermehren sich auf der Oberfläche des Saatguts und treten dort in direkte Konkurrenz zu anhaftenden Krankheitserregern. Zusätzlich setzen sie Substanzen frei, die die Entwicklung der Pilzsporen hemmen und diese gezielt abtöten.